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Sternstunde Philosophie
 

Philosophische Strömungen im 20. Jahrhundert. Vier Gespräche in der Sternstunde Philosophie

Das Wissen in Technik und Naturwissenschaft nimmt im 20. Jahrhundert explosionsartig zu. Die moderne Physik revolutioniert mit der Relativitätstheorie und der Quantenphysik unser Weltbild. Die Biologie mit der Evolutionstheorie und die Psychologie mit der Psychoanalyse fordern die Philosophie heraus, über ein neues Menschenbild nachzudenken. Was können wir wissen? Wie sollen wir leben? Was dürfen wir von einem guten Leben erhoffen? Die drei althergebrachten Grundfragen der Philosophie stellen sich im 20. Jahrhundert mit neuer Brisanz, philosophische Schulen und Strömungen suchen nach Antworten, die unser Denken bis heute mitprägen.

Nach den Reihen „Grundbegriffe der Philosophie“, „Denken im Abendland“, „Bundesräte im Gespräch“ und „Begegnungen“ setzt das Team der „Sternstunde Philosophie“ die Auseinandersetzung mit brennenden Fragen der Zeit in der Reihe „Philosophische Strömungen des 20. Jahrhunderts“ fort. Die vier einstündigen Sendungen werden bis zum Ende des Jahres 2007 ausgestrahlt.

Sternstunde Philosophie
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Das Programm

2. Dezember 2007: Die Phänomenologie. Bernhard Waldenfels im Gespräch mit Marco Meier
9. Dezember 2007: Der Poststrukturalismus. Andrea Maihofer im Gespräch mit Monika Maria Trost und Michael Pfister
16. Dezember 2007: Die analytische Philosophie. Peter Bieri im Gespräch mit Ursula Pia Jauch
23. Dezember 2007: Die Existenzphilosophie. Annemarie Pieper im Gespräch mit Norbert Bischofberger

Die Phänomenologie

2. Dezember 2007
Die Phänomenologie gehört ohne Zweifel zu den Hauptströmungen der deutschen Philosophie des 20. Jahrhunderts. Den Namen „Phänomenologie“ hat der Philosoph Edmund Husserl (1859-1939)einer methodologischen Forschungsrichtung gegeben, die im Gefolge des eigenwilligen Philosophen weit über eine Denkform hinaus so etwas wie eine Lebensform begründete. Schon früh sprach man von einer eigentlichen „phänomenologischen Bewegung“. Neben ihrem Gründer umfasste die Bewegung eine Reihe von grossen Denkern wie Max Scheler, Martin Heidegger, Maurice Merleau-Ponty, Jean-Paul Sartre, Paul Ricoeur, Nicolai Hartmann und Jacques Derrida.

Den noch so unterschiedlichen philosophischen Temperamenten war eine erkenntnistheoretische Überzeugung gemeinsam. Anders als etwa die transzendentalen Idealisten Kant oder Hegel betrachten die Phänomenologen die Welt der Erscheinungen, wie sie dem Menschen in der ganz natürlichen und alltäglichen Erfahrung, noch vor ihrer begrifflichen Codierung, gegeben sind. Gegenstände und Sachverhalte verlieren damit ihre angestammte Festigkeit und Klarheit, ihr An-sich-sein wird systematisch hinterfragt und auf ursprüngliche Erfahrungsprozesse zurückgeführt.

Ganz entscheidend gehen phänomenologische Denker in ihrem Ansatz vom Erfahrungshorizont ganz konkreter Lebenswelten aus. Der gängigen logischen Wahrnehmung wird damit eine dringliche Erweiterung auf das emotionale Denken und die sozialen Lebensumstände abverlangt. Gerade im heute zunehmend transdisziplinären Diskurs zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften gewinnt ein entsprechender Denkansatz wieder an Bedeutung. Den Phänomenologen geht es dabei nie um eine normative Letztbegründung. Vielmehr suchen sie nach welterschliessenden Strukturen und Funktionen, die der empirischen Erfahrung Sinn und Bedeutung verleihen. Im deutschsprachigen Raum zählt der Philosoph Bernhard Waldenfels zu den herausragenden Kennern und Vertretern der Phänomenologie. Er ist zu Gast bei Marco Meier.

Der Philosoph Bernhard Waldenfels
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(Foto Uwe Dettmar / SV)

Der Poststrukturalismus

9. Dezember 2007
Derrida, Foucault, Lyotard, Deleuze, Lacan – im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts hiess die Hauptstadt der Philosophie Paris. Aber auch die deutschsprachigen Universitäten standen im Bann dessen, was man hierzulande gerne „Poststrukturalismus“ nennt. Spätestens ab Mai 68 herrschte auch unter Intellektuellen Aufbruchstimmung: Vaterfiguren wie Jean-Paul Sartre und rigide Ordnungssysteme wie der klassische Strukturalismus wurden abgelöst von Dekonstruktion und Diskursanalyse, von nomadischem Denken und Mikrophysik der Macht, vom Tod des Subjekts und dem Spiel der Signifikanten. Sprache war der Schlüssel zu fast allem, aber oft ging es weniger ums Verstehen als um die Früchte des Missverstehens. Der Poststrukturalismus prägte weit über die Philosophie und über Frankreich hinaus Geistes-, Kultur und Sozialwissenschaften.

Erfolg provoziert Kritik: In Deutschland machte man sich über „Derridada und Lacancan“ lustig oder warnte vor „Selbstreferentialität“ und den angeblich faschistischen Tendenzen der „anti-humanistischen“ Denker. Der amerikanische Physiker Alan Sokal reichte einer kulturwissenschaftlichen Zeitschrift einen im Stil der Poststrukturalisten geschriebenen Aufsatz ein, den er selber, nachdem er anstandslos veröffentlicht worden war, als völligen Unsinn und pure Parodie entlarvte – geschrieben zum einzigen Zweck, die „französischen Postmodernen“ als Scharlatane zu brandmarken.

Unterdessen sind fast alle Exponenten dieser französischen Philosophieblüte gestorben, und der „courant normal“ der angelsächsischen Analytischen Philosophie hat sich auch in deutschen Landen wieder durchgesetzt. Zeit für einen Rückblick: Was verdankt der Postrukturalismus den grossen Vorläuferströmungen Strukturalismus und Existenzialismus? Gibt es überhaupt gemeinsame Nenner und grosse Linien in den Rhizomen der französischen Philosophie nach 1968? Was ist bereits wieder vergessen und was wird bleiben? Solchen Fragen geht die Philosophin Andrea Maihofer im Gespräch mit Monika Maria Trost und Michael Pfister in der zweiten Folge der Sternstundenserie über philosophische Strömungen im 20. Jahrhundert nach.

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Die "analytische" Philosophie

16. Dezember 2007
Wenn man fragt, was das Wort „Philosophie“ meint, so wird ein informierter Mensch wohl die Antwort geben, es gehe um „Liebe zur Weisheit“, denn das sei ja die ursprüngliche Bedeutung des griechischen Wortes „Philosophia“. Seit ihren Anfängen im 6. Jahrhundert vor Christus hat die Philosophie unzählige Denker (selten: Denkerinnen), Lehren und Systeme hervorgebracht, die auf immer wieder neue und eigene Weise Antworten auf Fragen geben, die die Menschen beschäftigen: Wie soll ich handeln? Was ist gerecht? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Was heisst eigentlich „denken“? Aristoteles, Bergson, Chamfort, Descartes, Epikur, Frege, Hegel, Kant, Kierkegaard, Locke, Platon, Russell, Spinoza, Wittgenstein, Zenon von Elea (um nur einige zu nennen): so viele Denker, so viele Antworten, noch dazu in unterschiedlichen philosophischen „Gattungen“. Die einen sind Essayisten, andere betreiben Logik, wieder andere sind Skeptiker, Ideengeschichtler, Metaphysiker, Hermeneutiker, Moralphilosophen, Ethiker, Technikphilosophen ... Kurzum: In der Philosophie hat es seit ihren Anfängen eine unglaubliche Breite von Fragen, Antworten, Stilen und Schulen gegeben, und vielleicht war das auch die Stärke, denn niemand wollte ein für allemal definieren, um welche „Liebe“ zu welcher „Weisheit“ – oder gar „Wahrheit“ – es denn gehe. Man war tolerant und sah in der Bandbreite der Methoden und der Antworten auch die Stärke der Philosophie, die ja keine „exakte“ Naturwissenschaft war, sondern ein Nach-Denken, das mehr als nur ein „Beweisen“ war.

Seit dem enormen Aufschwung der exakten Naturwissenschaften aber ist die Philosophie in Bedrängnis gekommen. Plötzlich gab es Stimmen, die sagten: Die Probleme und Fragen der bisherigen Philosophie beruhen im Wesentlichen auf sprachlichen Missverständnissen. Ausserdem gibt es ja gar keine Fortschritte in der Philosophie, denn man stellt noch immer die alten Fragen. Fazit: Wenn man nur eine klare und sozusagen reine Sprache – vergleichbar mit einem mathematischen „Kalkül“ – verwenden würde, dann würden sich auch die Probleme der Philosophie lösen lassen, und es gäbe endlich einen „Fortschritt“ in der Philosophie.

Fortan war die „analytische Philosophie“ geboren. Ihre Verfahrensweisen waren Logik, „Klarheit“ und mathematische Begriffsstrenge; ihre Methode beruhte auf einem sprachlichen Kalkül; auf sogenannt klaren Argumenten, modallogischen Verfahren und unhintergehbaren Aussagen. Seit den 1950er Jahren halten sich die Vertreter der „analytische Philosophie“ – zunächst in den USA und in England, heute auch in Europa – als die einzig vernünftigen, da „wissenschaftlichen“ Vertreter der Philosophie; der Rest der Philosophie, etwa die Metaphysik, galt und gilt als „wissenschaftlich“ überholt. Nun, nach dem erstaunlichen und jahrzehntelangen Siegeszug der „analytischen“ Philosophie, gibt es aber langsam Stimmen, die bezweifeln, dass die „analytische“ Philosophie ihre eigenen Ziele überhaupt erreicht hat. Sie sei vielmehr auch nur eine der unterschiedlichen Formen des herkömmlichen Philosophierens, und sie habe auch gar nicht zu einem Fortschritt geführt, sondern nur zu einer Formalisierung, zu einer ideologischen Versteifung und zu einem Grabenkrieg über die Methoden und die Ziele der Philosophie. Ausserdem habe sie die Philosophie, die bislang doch immer auch eine Angelegenheit der Ästhetik und des Denkens in einer sprachlich gepflegten Form gewesen war – man denke etwa an Adorno, Bloch, Schopenhauer oder Nietzsche –, zu einer militärisch trockenen Sprachtechnik gemacht.

„Was bleibt von der analytischen Philosophie?“ hat der Schweizer Philosoph und Schriftsteller Peter Bieri unlängst öffentlich und kritisch gefragt. Interessant dabei ist, dass Peter Bieri selbst auch eigentlich einmal zum Lager der „analytischen“ Philosophie gehört hat. Die Philosophen Peter Bieri und Ursula Pia Jauch über die Frage, ob Klarheit das einzige ist, was wir uns von der Philosophie wünschen.

Der Philosoph Peter Bieri
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Die Existenzphilosophie

23. Dezember 2007
Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Warum sind wir körperliche Wesen? Warum fühlen, hoffen, lieben und sterben wir? Welchen Sinn hat unser Leben? Das Nachdenken über das menschliche Leben und die alltäglichen menschlichen Erfahrungen ist das Programm der Existenzphilosophie. Sie stellt den Menschen mit seinen Fragen, Sorgen und Nöten in den Mittelpunkt des Denkens und ist davon überzeugt, dass der Mensch sich zu dem macht, was er zu sein hat oder sein will.

Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) ist der wichtigste Vorläufer der Existenzphilosophie, die im 20. Jahrhundert entsteht. Zu den wichtigsten Vertretern der Existenzphilosophie gehören die Philosophen Martin Heidegger (1889-1976), Karl Jaspers (1883-1969), Jean-Paul Sartre (1905-1980) und Albert Camus (1913-1960). Die Existenz wird bei Kierkegaard in der Grunderfahrung der Angst erfahren, bei Heidegger in der Grunderfahrung des Todes, bei Jaspers in den Grenzsituationen des Scheiterns (Leid, Schuld und Tod) und bei Sartre in der Grunderfahrung des Ekels.

In der "Sternstunde Philosophie" erläutert die Basler Philosophin Annemarie Pieper die bis heute aktuellen Anliegen der Existenzphilosophie und geht auf die Frage ein, warum Menschen gut oder böse sind. Mit den Erklärungsversuchen von Gut und Böse befindet sich die Philosophie mitten im aktuellen Diskurs zwischen Geistes- und Naturwissenschaften über die Freiheit und Verantwortung des Menschen.

Die Basler Philosophin Annemarie Pieper
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